
Als Lille 2004 Europäische Kulturhauptstadt wurde, schlugen die Maisons Folie in ehemaligen Fabriken Wurzeln, die für die Region Nord-Pas-De-Calais und Belgien charakteristisch sind. Als Ateliers und Ausstellungsräume bieten sie über das ganze Jahr hinweg eine eklektische Programmgestaltung.
Die zwei Maisons Folie in Lille (Maison Folie Moulins und Maison Folie Wazemmes) sind eine neue Form von Kulturinstitution, die durch der Festlichkeiten 2004 erzeugten Energie geschaffen wurden.
Sie sind Ausbildungseinrichtungen und Treffpunkte für die regionalen, nationalen und sogar internationalen künstlerischen Compagnien, Vereinigungen und Einwohner der zwei betreffenden Bezirke.
Die Einrichtungen sind multidisziplinär ausgerichtet und wurden entwickelt, um Künstler während Residencies zu unterstützen. Diese Residencies können die Unterbringung der Künstler beinhalten und ihnen so direkten Kontakt mit der Stadt und dem Bezirk ermöglichen.
Die zwei Leiter der Häuser (Jean-Baptiste Haquette in Moulins und Olivier Sergent in Wazemmes) haben eine Richtung gewählt, die die Kulturorganisationen der Stadt auf sachverständige Weise unterstützt.
Dies sind keine heiligen Kulturtempel: Experimentieren und Geselligkeit stehen beide auf der Tagesordnung. Sie sind ihrer Umgebung gegenüber offen, genauso wie der Welt gegenüber - ein interessanter Punkt für viele Beobachter von außen, weil diese Offenheit eine Erneuerung des Verhältnisses zwischen den Einwohnern einer Stadt und ihren Künstlern erzeugt.
1/ Gesamtdarstellung
La Maison Folie, eine ehemalige Brauerei, die 1934 geschlossen wurde, ist von den Architekten Baron & Louguet restauriert worden. Sie wussten, wie sie die warme und intime Atmosphäre erhalten können, die einer „Brauerei" und unserer Vorstellung von einem „Heim“ eigen ist.
Das Maison Folie eröffnete 2004 im Zusammenhang mit der Wahl Lilles zur Europäischen Kulturhauptstadt. Es ist jetzt ein kulturelles Zentrum, das das ganze Jahr hindurch ein Programm bietet, das multidisziplinär, thematisch und originell ist.
Fünfzehnhundert Quadratmeter, 10 Räume, zwei Außenhöfe und zwei Wohnungen sind künstlerischen Residencies und der Verbreitung von Kunst gewidmet. Gastkünstler aus der ganzen Welt kommen nach Lille und zum Moulins-Bezirk. Das Leitmotiv: Ein gemeinsames Bewusstsein des Zusammenkommens, gemeinsam mit neuen Arten von „Gebräuen". Künstler treffen sich miteinander und ihr Publikum durch Konzerte, Performances, Workshops, Filmvorführungen, Diskussionen und Mahlzeiten, die alle im Maison Folie stattfinden und gelegentlich an anderen Orten in Moulins. Die Unterstützung des künstlerischen Schaffens, die Förderung von Austausch, das sich Öffnen zu den Weltkulturen und die Integration dynamischer Kräfte der Region: ein hausgemachtes Rezept für Erfolg – und eines zum Genießen.
2/ Interview mit Jean-Baptiste Haquette, Direktor des Maison Folie Moulins
2.1 Entstehung des Projektes
„Die Idee der Maison Folie entsprang dem Wunsch des Stadtbezirkes, einen anderen Ansatz zu wählen und die Bevölkerung mit einzubeziehen. Dies führte zur Entstehung der ziemlich bescheidenen Einrichtungen in der Region und der Euroregion, in den Vororten statt im Zentrum und in umgewidmeten Räumen – Orten, die bereits eine Geschichte hatten, damit Anwohner sie ziemlich schnell annehmen würden.
Unser Ziel war es, über die Maisons Folie Einrichtungen zu schaffen, die als lebendige Zentren ihrem Bezirk dienen konnten, sowie Orte zu kreieren, die sich dazu verschrieben haben, Künstler in Residence willkommen zu heißen“.
„Der Moulins-Bezirk entwickelt sich ständig weiter. Es war interessant, hier ein Maison Folie zu etablieren, um an seiner Entwicklung teilzuhaben. Die Idee war, dass diese Einrichtung durch ihre Aktivitäten das Leben in der Gegend verbessern würde und ihr Profil schärfen würde".
2.2 Das Maison Folie Moulins, ein lebendiger, künstlerischem Schaffen gewidmeter Ort
„Wir wollen mit interdisziplinären Themen sicherstellen, dass das Konzept der ‚Nachbarschaft ' nicht vom Konzept des künstlerischen Ausdruckes getrennt wird. Wir bringen lokale Künstler, Einwohner, an Anwohner gerichtete Initiativen und künstlerische Projekte – von nationalem bis internationalem Niveau – zusammen."
„Wir bemühen uns, als Ort für alle Kulturen, einschließlich populärer Kultur gesehen zu werden – als ein Ort, an dem alle Publikumsgruppen und Kunstpraktiken zusammenkommen".
2.3 Öffentliches Bewusstsein
„Wir denken viel darüber nach, wie man Menschen dazu bringen kann, diesen Ort zu besuchen. Das beinhaltet die Art und Weise, wie wir unsere Arbeit kommunizieren, um ein großes Publikum in der Stadt und im Bezirk zu erreichen und um verschiedene Publikumsgruppen zusammenzubringen ".
„Wir geben uns besondere Mühe Bevölkerungsteile zu erreichen, der keinen Zugang zu Kultur haben oder über wenig kulturelle Bildung verfügen. Wir setzen Projekte um, die es ihnen ermöglichen, den Ort und seine Angebote zu entdecken. Wir machen ihnen bewusst, dass dieser Ort ihnen genauso gewidmet ist, wie anderen Zuschauergruppen. Danach ist es an ihnen wiederzukommen oder nicht. Der erste Schritt ist wesentlich.“
„Hinsichtlich der Kommunikation vor Ort verlassen wir uns auf lokale Einrichtungen. Wir organisieren Treffen mit Künstlern in diesen Zentren und im Maison Folie; wir bieten auch Führungen an, hauptsächlich für Kinder".
2.4 Einwohner als Schauspieler
„Eine andere Herausforderung ist es, Einwohner in Schauspieler zu verwandeln. Um sie zu unterstützen und zu fördern, bieten wir vielen vom Bezirk angestoßenen Projekten technische Hilfe und zeigen sie dann später im Maison Folie neben dem Rest unseres Programms".
„Dieses Jahr sind die Journées Tous Voisins („Tage aller Nachbarn") monatliche Programme mit Performances und Animationen, die vom Maison Folie gemeinsam mit Künstlern oder anderen Organisationen aus dem Moulins-Bezirk vorgeschlagen wurden. So besteht zum Beispiel im April die Gelegenheit, den Moulins-Karneval, der von den Sozialzentren und den Schulen der Gegend initiiert wurde, mit der Arbeit eines afrikanischen Künstlers, der vom Maison Folie eingeladen wurde, zu verbinden. Er wird ein Event zum Thema „Afrika“ organisieren.
Da einige Leute unser Programm nicht lesen können oder wollen, planen wir, die Nachbarschaft durch einen Stadtausrufer über diese Events zu informieren".
„Wir managen auch Projekte, in denen örtliche Bewohner am kreativen Prozess eines Künstlers teilnehmen. Zum Beispiel arbeiteten wir mit einem Geschichtenerzähler, der eine Show mit einem Musiker entwickelt hat und auch Regie geführt hat, basierend auf Interviews mit Anwohnern, die ihre Meinung äußern konnten. Diese Show wurde am Wochenende und an einem Mittwochnachmittag gezeigt, um ein spezielles Publikum zu erreichen, das abends nicht ausgeht".
„Jedes Jahr geben wir ein Kunstprojekt in Auftrag, das sich auf die Region konzentriert und Treffen mit örtlichen Bewohnern beinhaltet. Das hat zur Entstehung eines Reisetagebuchs geführt“.
2.5 Die Arbeit und ihr Einfluss auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene
„Wir bemühen uns, künstlerische Partnerschaften in allgemeinen Projekten mit den zahlreichen Kultureinrichtungen der Region zu stärken, um den Bezirk in seiner Entwicklung zu helfen".
„Wir arbeiten mit neun Standorten, die von der Stadtgemeinde von Lille als zentrale Einrichtungen durch ein Projekt mit dem Titel Lille Métropole en tous sens („Lille, in jeder Weise eine Metropole") anerkannt wurden. So können wir Künstler und Compagnien in ihrem kreativen Prozess unterstützen und ihnen dabei helfen, diese Einrichtungen je nach Bedarf zu nutzen ".
Auf das internationale Geschehen nehmen wir dadurch Einfluss, dass wir berühmte Künstler aus der ganzen Welt zu Gast haben – etwa durch die Etablierung eines internationalen Puppenfestivals, durch die Verbindung mit Art Factories und Trans Europe Halles und durch Partnerschaften und Gemeinschaftsprojekte mit Halles de Schaerbeek in Brüssel und der KulturBrauerei in Berlin. Wir glauben im Maison Folie, dass dieser Einfluss nicht vom Begriff der Nähe getrennt werden kann; im Gegenteil, wir schätzen sie sehr. Die Zukunft liegt im Austausch, in gemeinsamen Projekten und Reflexionen".
1/ Vorstellung
Das Maison Folie Wazemmes ist eine ehemalige Textilmühle, die von der holländischen Agentur Nox/Lars Spuybroek restauriert wurde. Im Innern des Altbaus befinden sich drei Etagen mit Ausstellungsräumen, einem Hostel, einer Küche und Künstlerateliers. Der neue Anbau enthält ein Theater.
Das Maison Folie ist ein Ort zur Verbreitung, für die Arbeit und für Begegnungen an dem Anwohner, Vereinigungen aus der Region und Künstler aus der ganzen Welt zusammen kommen. Ziel ist eine kulturelle Demokratisierung, besonders durch die Entwicklung kleiner Kunstformen, die Ausbildung, Workshops, Diskussionen, originelle Publikumsausbaustrategien und neue Ansätze zur künstlerischen Praxis.
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