
Innovative Initiativen für das Gemeinwohl
Ein Interview mit Eva Moe, Projektmanagerin des Programms „Gesellschaftliches Unternehmertum“ der schwedischen Knowledge Foundation
Eva ist eine anerkannte Leiterin von Programmen, die gesellschaftlichen Wandel vorantreiben, ehemalige Projektmanagerin des nationalen schwedischen Projekts „Lernen in der Zukunft" und des regionalen Entwicklungsprojekt „Attraktive Region" für die Kommunalverwaltung Norrbotten. Sie hat einen Hintergrund im Bereich Kommunikation, arbeitete als Journalistin und als Leiterin des Kommunikationsbereichs an der Luleå University of Technology und der Stadt Sundbyberg.
Das folgende Interview zwischen Lidia Varbanova und Eva Moe (EM) wurde am 29. April 2009 über Email geführt, mit späterer Korrespondenz im Mai und Juni.
Im Jahr 2008 hat die Knowledge Foundation große Anstrengungen zur Förderung sozialen Unternehmertums in Schweden gemacht. Während eines Neun-Jahres-Zeitraums werden etwa 120 Millionen SEK für Bildung und Forschung in diesem Bereich eingesetzt. Warum ist die Knowledge Foundation so sehr daran interessiert, soziales Unternehmertum zu fördern? Warum ist es so wichtig
EM: Die Knowledge Foundation unterstützt die Forschung und Bildung in Schweden. Unsere Aufgabe besteht darin, die bestehenden Strukturen in Frage zu stellen, immer einen Schritt voraus zu sein und an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft, dem öffentlichem Sektor, den Instituten für höhere Bildung (HEIs) und den Forschungseinrichtungen zu arbeiten. In diesem Bereich ist es unsere Aufgabe, aktiv Bedingungen zu schaffen für Innovation, Kreativität und persönliche Kontakte zwischen Organisationen und Menschen mit dem Willen, Schweden durch Wissens- und Kompetenzentwicklung weiterzuentwickeln und zu treiben.
Das Programm „Gesellschaftliches Unternehmertum“ der Knowledge Foundation fußt auf drei Säulen: Forschung, Kompetenzentwicklung und Schaffung eines Verständnisses für soziales Unternehmertum und wie dies zur Entwicklung Schwedens beiträgt. Die Knowledge Foundation verwendet den Begriff des gesellschaftlichen Unternehmertums. Die Bedeutung ähnelt der des sozialen Unternehmertums, ist aber etwas breiter gefasst. Der Hauptgrund für die Verwendung von gesellschaftlich statt sozial ist, dass in Schweden letzteres Wort vor allem mit sozialen Problemen in Verbindung gebracht wird und nicht mit Chancen. Unsere vorläufige Definition gesellschaftlichen Unternehmertums ist folgende: Innovative Initiativen für das Gemeinwohl. Mehr Informationen über das Programm zum gesellschaftlichen Unternehmertum finden Sie unter www.kks.se/samhallsentreprenorer und unter http://www.samhallsentreprenor.se, dem virtuellen Treffpunkt für gesellschaftliche Unternehmer in Schweden.
Die Knowledge Foundation sieht gesellschaftliches Unternehmertum als einen Schlüsselbereich für die Zukunft. Schweden braucht technologische Entwicklung – aber wir brauchen auch neue Ideen für unsere Wohnsiedlungen, neue Arten der Produktion und des Konsums, die die Umwelt respektieren, und neue Wege zur Bereitstellung von öffentlichen Dienstleistungen und öffentlicher Betreuung: kurz gesagt, wir brauchen soziale Innovationen. Viele unserer sozialen Lösungen wurden für die Struktur der Industriegesellschaft entwickelt, als Grenzen wichtiger waren – Grenzen zwischen Nationen, zwischen dem Markt und dem öffentlichen Sektor und zwischen Arbeit und Freizeit. Die schwierigen Themen, vor denen wir heute stehen – wie der Klimawandel, Migration und Segregation, die Globalisierung und die ungleiche Verteilung – sind grenzübergreifend. Gesellschaftliche Unternehmer kennen sich gut darin aus, Grenzen zu überwinden und nutzen andere Logiken – kommerzielle wie soziale.
Soziales Unternehmertum betrifft vor allem die Lösung sozialer Probleme von Menschen, die aus eigener Initiative Bereiche verbessern, von denen sie glauben, dass sie fehlen oder nicht funktionieren. Es ist ein neues Konzept und es erfordert Sensibilisierung und Bildung, um mehr Menschen zu involvieren. Was sind Ihrer Ansicht nach die wirksamsten Instrumente und Methoden zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit?
EM: Wir müssen die Positivbeispiele sammeln und zeigen. Wir brauchen Botschafter aus verschiedenen Bereichen, die über gesellschaftliches Unternehmertum als eine neue Art der Problemlösung sprechen. Im Programm der Knowledge Foundation nutzen wir Vernetzung als unsere Hauptkommunikationsstrategie – anstelle der Medien und dem Starten von Kampagnen versuchen wir, die richtigen Leute zu involvieren und lassen sie zu Botschaftern werden. Wir haben Gruppen auf Facebook und wir haben eine Menge Arbeit in die Schaffung einer Online-Community für soziale Unternehmer gesteckt.
Soziale Unternehmer sind in Bereichen aktiv wie z. B. Kinder Gesundheit, Klimakrise, Umweltprobleme, Menschenrechte, Alphabetisierung in armen Gebieten und anderen. Kunst und Kultur werden in der Literatur und der Praxis des sozialen Unternehmertums selten erwähnt. Welche Auswirkungen hat das soziale Unternehmertum auf den Kultursektor?
EM: In Schweden haben wir einige Beispiele für brillante gesellschaftliche Unternehmer im Kultursektor – beispielsweise Hultsfredsfestivalen, Cirkus Cirkör und Drömmarnas hus. Das sind Organisationen, die seit langer Zeit mit und in der Kultur (Musik, Zirkus, Theater, etc.) als Mittel zur Lösung sozialer Probleme tätig sind und zur lokalen Entwicklung beitragen.
Die Macht des Social Networking und der mobilen Kommunikation wird häufig zur Verbreitung innovativer neuer Ideen und zur Förderung von Engagement in gesellschaftlichen Wandel genutzt. Welche Formen sozialen Unternehmertums nutzen dabei die Existenz neuer Technologie? Können Sie Beispiele für Online-Räume für soziales Unternehmertum nennen und ihren Nutzen kommentieren?
EM: Gesellschaftliche Unternehmer sind im allgemeinen Netzwerker und sie nutzen alle Arten neuer Technologien und sozialer Medien, um zu kommunizieren und zu mobilisieren. Es gibt auch einige Beispiele in Schweden von gesellschaftlichen Unternehmern, die über das Internet oder soziale Medien agieren. Ein gutes Beispiel dafür ist die Stiftung A Click For The Forest (dt. Ein Klick für den Wald), bei der Sie Bäume und alte Wälder kaufen, indem Sie auf die Website klicken. Oder die neue Suchmaschine Growyn, wo Sie bei jeder Suche die Umwelt und nachhaltige Entwicklung unterstützen.
In der gegenwärtigen Situation einer globalen Finanzkrise – bietet das neue Phänomen „soziales Unternehmertum" neue Möglichkeiten und Geschäftsmodelle für den Kultursektor?
EM: Ich kann den Kultursektor nicht kommentieren – nicht mein Gebiet –, aber ich bin fest davon überzeugt, dass dies der Moment für gesellschaftliches Unternehmertum ist. Die aktuelle Finanzkrise zwingt die Menschen, Organisationen und Unternehmen zum Überdenken ihrer Möglichkeiten, Dinge zu tun, ihrer Business-Modelle und ihrer Langzeitziele. Ich denke, wir werden über soziales und gesellschaftliches Unternehmertum in den nächsten Jahren viel sehen und hören.
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