
Von Corina Şuteu
Einleitung
Der folgende Artikel basiert auf fünf Interviews, welche die aktuellen Rahmenbedingungen für unabhängiges künstlerisches Schaffen in Rumänien zum Thema hatten sowie die Herausforderungen, die sich nach dem Beitritt zur Europäischen Union 2007 für kulturelle Zusammenarbeit ergeben und die Frage der staatlichen Förderung der zeitgenössischen rumänischen Kulturszene.
Auf die Fragen des Journalisten Simona Chitan antworteten:
Hintergrund
Wenn Künstler und politische Entscheidungsträger zur Lage der Kunst in Rumänien gefragt werden, sind sie sich in einem Punkt einig: Der unabhängige Kunst- und Kultursektor ist zweifellos in den letzten fünf bis sieben Jahren aufgeblüht.
Hier eine Auswahl von Kommentaren unserer Interviewpartner dazu:
„Ich habe ein sehr wichtiges finanzielles Engagement des Rumänischen Kulturinstituts in der Unterstützung der bildenden Kunst seit dem letzten Jahr festgestellt,” sagt der Künstler Ciprian Mureşan;
“Die heutigen Praktiken der öffentlichen Institutionen geben Anlass zu der Hoffnung, dass es eine graduelle Entwicklung in Richtung einer staatlichen Förderung für den unabhängigen Kunstsektor gibt ,” beobachtet die Kuratorin Alina Şerban.
“Egal wie kreativ und leistungsstark unabhängige Künstler und Kunstinstitutionen sind, sie benötigen trotzdem Unterstützung durch staatliche Förderung, um sich zu entwickeln, und diese Entwicklung findet jetzt in Rumänien statt ,” fügt Ada Solomon, Filmproduzentin, hinzu.
Virgil-Stefan Niţulescu, Generalsekretär des Rumänischen Ministeriums für Kultur und Religionsfragen merkt an: “Wir bemühen uns immer stärker, dem unabhängigen Kultursektor Unterstützung zu ermöglichen und obwohl dieser Prozess noch nicht abgeschlossen ist, hat hier eine große Entwicklung stattgefunden. Außerdem können wir sagen, dass es in den letzten Jahren in der finanziellen Förderung durch staatliche Einrichtungen geringere Unterschiede in der Qualität oder Quantität zugunsten traditioneller bzw. zeitgenössischer Kunst gab.”
Diese beständige Entwicklung wird durch verschiedene Aussagen belegt, die von Künstlern, Wissenschaftlern und Politkern wie folgt geäußert wurden.
Das Aufkommen nachhaltiger finanzieller Unterstützung für den unabhängigen Kunstsektor
Seit dem Jahr 2000 sind gesetzliche und administrative Möglichkeiten zur staatlichen finanziellen Förderung des unabhängigen Kultursektors geschaffen worden und auf nationaler Ebene in die Praxis umgesetzt worden. Sie waren das Ergebnis aufgeklärter, liberaler und moderner Ansätze, die in der Phase zwischen 1996-2000 entwickelt wurden (so Virgil-Ştefan Niţulescu und Radu Mălureanu).
Einige Beispiele dafür sind: der Mobility Fund und der National Cultural Fund, die vom Rumänischen Ministerium für Kultur und Religionsfragen geschaffen wurden und 2005 aktiv wurden sowie die Einführung eines effektiveren Förderungssystems, das den freien Künsten vom Network of Rumanien Cultural Institutes – der Regierungsagentur für kulturelle Zusammenarbeit - 2005/2006 angeboten wurde. (Ciprian Mureşan, Virgil-Ştefan Niţulescu und Radu Mălureanu).
Eines der bedeutendsten Beispiele für die hohe Anerkennung der Ansprüche desunabhängigen Kunstsektors auf öffentliche Gelder war die Gründung des Nationalen Zentrums für Tanz im Jahr 2005. Sie war das Ergebnis des großen Engagements eines Konsortiums aus Tänzern und Choreografen, unabhängigen Tanzorganisationen und Projekten wie der Project DCM Foundation oder dem früheren MAD Centre (so Virgil-Ştefan Niţulescu).
Es stimmt jedoch, dass die Fördermittel ungleichmäßig auf verschiedene Kunstsparten verteilt zu sein scheinen. Zum Beispiel stehen Theater, Musik, Tanz und den Bildenden Künsten über unabhängige Organisationen mehr öffentliche Gelder zur Verfügung als dem Bereich Film, dem ein solides und dauerhaftes staatliches finanzielles Förderprogramm fehlt (was durch die durch Filmproduktion und Verleihprozess hervorgerufenen Ausgaben aber nötig wäre), die allgemeine Förderlandschaft ist zersplittert.
Daher tendiert jeder junge Filmschaffende dazu, seine eigene Produktionsfirma zu gründen. Der Produktions- und Verleihprozess für einen Film ist immer noch ein riskantes und sehr schwieriges Unterfangen, selbst für jene, die schon auf eine Erfolgsgeschichte verweisen können (wie Cristi Puiu und Corneliu Porumboiu – zwei der führenden Persönlichkeiten der neuen Generation rumänischer Filmemacher, die ihre Arbeiten ausschließlich oder fast ausschließlich mit privatem Geld finanziert haben. Und für die neue Cristi Puju-Produktion bemüht man sich immer noch um ausländische Fördergelder, trotz der internationalen Lobpreisungen, die der Regisseur erhielt, nachdem „The Death of Mr. Lazarescu“ internationale Preise gewann.) (Ada Solomon).
Dennoch, verallgemeinert gesagt, können wir schlussfolgern, dass es heute ein wachsendes Bewusstsein gibt – auch durch die effektivere rumänische staatliche Kulturpolitik hervorgerufen - für die Notwendigkeit, unabhängige Organisationen, die sich mit kulturellen Inhalten befassen, zu unterstützen, damit diese Organisationen die künstlerischen Praktiken herausfordern und erneuern können und ein lebendiges Umfeld für die rumänische Kunst schaffen.
Was wir gelernt haben
Der teils lückenhafte Lernprozess, der vom Gesamtprozess der institutionellen Umgestaltung in der rumänischen Kultur und Gesellschaft während der letzten Dekade angestoßen wurde, ist in verschiedene Handlungsstränge übersetzt worden. Unter anderem folgende:
·eine Beziehung zwischen dem unabhängigen Kultursektor und den post-kommunistischen Besucherkreisen soll geschaffen und entwickelt werden;
·Brücken zwischen staatlichen Fördermöglichkeiten und Markt-orientierter Kunst sollen geschaffen werden;
·ein Dialog zwischen dem Potential und der Kreativität des unabhängigen Kultursektors und der frisch geschaffenen bürokratischen Grenzen der neuen staatlichen Kulturpolitik soll angestoßen werden.
Einige wichtige Konzepte standen hier auf dem Spiel. Erstens, die Auffassung von zeitgenössischer Kunst. Ein Bildungssystem, das in Bezug auf den Status moderner Kunst immer noch unsicher ist, wie die Kuratorin Alina Şerban behauptet, kombiniert mit dem Nicht-Vorhandensein zeitgenössischer künstlerischer Praktiken im frühen post-kommunistischen Rumänien (wie von by Ciprian Mureşan, Ada Solomon and Virgil-Ştefan Niţulescu betont), rufen immer noch einige verschlossene Reaktionen auf den Begriff „emerging arts“ hervor.
Zweitens, das Aufkommen von Berufen wie Kulturmanager, Ausstellungskurator, Pressereferent und Art Producer ist ein neues Phänomen in Rumänien. Diese Bereiche befinden sich immer noch im Prozess, sich in der etablierten rumänischen Intelligenzia zu legitimieren, obwohl dies geläufige Begriffe für jede unabhängige Kulturorganisation sind (Alina Şerban).
Drittens, die Verbindung zwischen Kunst und Gesellschaft wird immer offensichtlicher und wird hauptsächlich durch Kulturorganisationen des unabhängigen Kunstsektors befördert. Diese nötige Verzahnung ist für Rumänien ein entscheidender Faktor dafür, Vertrauen zu sichern und soziales Kapital aufzubauen, trotz des immer noch unsicheren demokratischen Verhaltens und der negativen Effekte der Dynamiken des freien Marktes auf den sozialen Zusammenhalt. (Ada Solomon, Alina Şerban).
Nicht zuletzt liefern unabhängige Kunstorganisationen viele Erfolgsgeschichten im Hinblick auf Kooperationsprojekte. Sie schaffen das Netz für die Entwicklung transinstitutioneller Kompetenzen, die ein Muss für alle Übergangsgesellschaften sind (so Alina Şerban, Ciprian Mureşan and Ada Solomon).
Was wir immer noch lernen müssen; einige Schwächen im „Land des Reichtums“
All dies zeigt, dass im Kulturbereich schon vieles in Bezug auf die Anerkennung und Bewerbung eines anderen, flexibleren und strukturell emanzipierten Systems für die unabhängigen Künste getan wurde.
Es gibt jedoch noch ein paar Belange, die mehr Aufmerksamkeit erfordern. Erstens, die Tatsache, dass junge, zeitgenössisch arbeitende, unbekannte Künstler nur anerkannt werden, wenn sie außerhalb Rumäniens erfolgreich sind (Alina Şerban, Ciprian Mureşan, Virgil-Ştefan Niţulescu). Zudem gibt es weiterhin einen Mangel an Äußerungsmöglichkeiten für neue Stimmen in der Kunst, für neue Talente und für junge Menschen, die nicht darauf vorbereitet oder willens sind, Kunst nur für den Markt zu schaffen (Alina Şerban, Virgil-Ştefan Niţulescu).
Zudem ist das Vermögen, die Bedürfnisse und kulturellen Praktiken der rumänischen Kunst einzuschätzen, immer noch zu schwach ausgebildet. Häufig zitierte Organisationen wie das Centre for Research on Culture (gegründet vom Ministerium für Kultur und Religionsfragen), ECUMEST Association, oder add. business chance on art Beschäftigen sich mit diesen Belangen, aber ihre Arbeit kann wegen der schieren Größe der Aufgabe und des Fehlens von Basisdaten über das heutige Rumänien nicht umfassend sein. (Radu Mălureanu).
Die Kultur blüht zwar in großen Städten, aber ländliche und kleine Provinzgegenden werden vom kulturellen Gesichtpunkt aus völlig vernachlässigt. Viele kleine und mittelgroße Städte haben kein Kino mehr oder keinen Raum, in dem Theaterperformances stattfinden können (Ada Solomon).
Die Ernennung von Sibiu zur Kulturhauptstadt 2007 beispielsweise bot zunächst und vor allem die Möglichkeit, einige von Sibius historischen Gebäuden und Veranstaltungsorten für Kultur und Kunst zu renovieren und umzubauen, so dass die örtliche Gemeinde zukünftig von einer nachhaltigen künstlerischen Gegenwart profitiert. Aber derartige Beispiele sind rar und die „Inseln des kulturellen Reichtums“ sind nur in großen Städten wie Cluj, Timişoara, Iaşi and Braşov zu finden. (so Radu Mălureanu and Virgil-Ştefan Niţulescu).
Schluss: Rumänien als Mitglied der EU - um was geht es dabei für die Kunst und Kultur?
Obwohl unsere Interviews viele Bezugnahmen auf die Qualität und Bedeutung europäischer und internationaler Zusammenarbeit beinhalten – die hauptsächlich durch den unabhängigen Kultursektor erfolgt –, sind die unmittelbaren Auswirkungen der EU-Mitgliedschaft, was die Kultur angeht, noch unklar.
Wie unsere Interviewpartner die Zukunft einschätzen:
·Alina Şerban glaubt, dass die EU-Mitgliedschaft bessere institutionelle Rahmenbedingungen und Methodiken und größere Strenge in der Beurteilung von Kulturprojekten mit sich bringen wird.
·Virgil-Ştefan Niţulescu glaubt, dass die Künste in Rumänien bereits so international orientiert sind, dass die EU-Mitgliedschaft nur ein weiterer Aspekt in den bereits existierenden Entwicklungen sein wird.
·Ada Solomon und Ciprian Mureşan geben beide zu, dass für sie die Qualität künstlerischer Projekte am wichtigsten ist. In diesem Stadium der EU-Mitgliedschaft konnten sie noch keine merkliche Auswirkung feststellen.
Abschließend kann man sagen, dass die Entwicklung der Künste in Rumänien voranschreitet, bei merklicher Präsenz und Teilnahme des unabhängigen Kultursektors und einem effizienteren und sichtbareren staatlichen finanziellen Förderprogramm im Vergleich zu vorherigen Jahren. Wir können auch ein freieres Verständnis des komplexen Systems künstlerischer Praxis feststellen – ein Verständnis, das von politischen Entscheidungsträgern, Künstlern und Managern gleichermaßen geteilt wird – sowie eine beeindruckende Offenheit gegenüber dem Zugewinn durch internationale Zusammenarbeit.
Falls immer noch Schwächen vorhanden sind, wird es sicher nicht mehr lange dauern, bis genau diese Schwächen zu Stärken werden. Um mit den Worten der Filmproduzentin Ada Solomon zu sprechen, als sie gefragt wurde, wie sie die gegenwärtige Entwicklung des Umfelds künstlerischer Praxis in Rumänien einschätzt: „Ich meine, dass die Entwicklung sowohl schnell als auch positiv vonstatten geht!“
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