
„Opfer” ist eines der von Nachrichtenagenturen am häufigsten benutzten Wörter. Genauso oft kommt es in anderen Sprachen vor (zum Beispiel: victima/victimas, victime, sinister, supplicie, vittima, žrtva, viktimë, жертва, فريسة, ضحية, قتيل, (ש"ע) קרבן… ). Durch die Medien werden Opfer zu Symbolen der heutigen Gesellschaft, die das negative Racheverlangen der Gesellschaft ausdrücken.
Warum also sprechen die Massenmedien bevorzugt von Leichen in Form von Zahlen, errechnen sie morbide, mit offensichtlicher Missachtung für die Lage der Opfer? Macht die Zahl der Opfer, die von den „Wahrheit-verkündenden“ Medien berichtet wird, wirklich einen Unterschied? Gibt es ein sophistisches Paradox zwischen einer bloßen Zahl und einer Masse von Opfern? Wann hören wir auf, von Opfern zu sprechen und beginnen von Genozid und Massenmord zu reden? [1]
Und wie beeinflussen uns Leichenzahlen? Warum ist ein Bild von einer Leiche in einigen Gesellschaften bedeutsam, während es in anderen Gesellschaften sein Vermögen Wut oder Mitleid zu erregen verliert und eher dazu dient Meinungen zu produzieren? Verliert der Anblick einer Leiche wirklich seine traumatische Wirkung oder ist unsere Kultur an dem Punkt chronischer Verleugnung angekommen? Leiden wir bereits an posttraumatischer Belastungsstörung – oder auch PTBS?
Victim's Symptom (PTSD and Culture) – kuratiert von Ana Peraica – bemüht sich, den Begriff PTBS aus der psychotraumatischen Diagnose auch als einen symptomatischen Begriff in der Medienwissenschaft zu etablieren. Das Projekt wird die Bedeutung eines Opfers analysieren, das ein traumatisches Ereignis überlebt hat und dabei sowohl zu einem Zeugen als auch zu einem Leidtragenden wurde. PTBS ist auf wirtschaftlicher, sozialer und politischer Ebene institutionalisiert, im Gegensatz zu den nur aufgezählten Opfern, die lediglich eine rechtliche und kulturelle Funktion haben. PTBS wird üblicherweise bei Einzelpersonen diagnostiziert (eher als bei Gruppen), die ein Ereignis überlebt haben, das außerhalb unserer normalen Erfahrung liegt. Wir werden erforschen, ob medial vermittelte Kultur traumatisieren kann. Falls nicht – ist die Welt gegen Traumata immun geworden...?
Diese Fragen werden in einem Online-Gemeinschaftsprojekt auf LabforCulture.org analysiert und in mehreren Phasen/ auf mehreren Ebenen bearbeitet werden; einschließlich Forschung, Dokumentation und einer Online-Diskussion mit theoretischen Texten (das kuratorische Statement unten wird dazu als Ausgangspunkt dienen) und einer Reihe von künstlerischen Auftragsarbeiten.
Zwischen „dem Geständnis eines Opfers“, das in Blogs auftaucht, und der „Funktion eines Opfers“, das in den Massenmedien vorkommt, welche Menschen nicht als Individuen, sondern als Illustrationen für ihre massenhafte tägliche Kriegsberichterstattung behandeln, völlig desinteressiert an deren Individualität, ist das Projekt eine Verlagerung (im kuratorischen Sinn) und bahnt einen Weg durch unterschiedliche Informationen.
Das Projekt wird sowohl Künstler und Theoretiker in Online-Diskussionen auf verschiedenen Plattformen zusammenführen, als auch andere, die daran interessiert sind, Opferkonzepte, Viktimisierung und die Institutionalisierung von Opfern zu diskutieren. [2] Sein Ziel ist es daher, die Konstruktion von Opfern als gleichberechtigten „dritten Handelnden“ durch die Medien zu dekonstruieren und zu deaktivieren, die als ein Vermittler zwischen den verschiedenen Kriegsseiten wirkt.
Als Sonderinitiative zum einjährigen Jubiläum von LabforCulture in Auftrag gegeben, wird das Projekt, das während seines gesamten Verlaufes von kritischen Texten, Dokumentation und Reflektionen der Kuratorin und von etlichen anderen Teilnehmern begleitet wird, Anfang 2008 online gehen. Eine erste Diskussion über Themen von Victims' Symptom wird in einem Rundgespräch über den Begriff des „Extremen“ auf der MutaMorphosis-Konferenz stattfinden, die in Prag vom 8.-10. November 40 Jahre Leonardo-Journal feiern wird.Erste Kommentare und Diskussionen werden im Victims' Symptom-Blog ab dann auf LabforCulture.org veröffentlicht.
[1] Besonders in Bezug auf die Fälle Vukovar und Srebrenica.
[2] Siehe Victimisierung (Wikipedia).
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Teilnehmende Künstler und Theoretiker |
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